“Fluglärm macht krank”

Interview zum Frankfurter Flughafen, zur Abwägung zwischen Fluglärm und Ökonomie und zu den ökologischen Folgen des Flugverkehrs.

 

Im Interview: Thomas Myck, Jahrgang 1958, arbeitet beim Umweltbundesamt (UBA), der zentralen Umweltbehörde der Bundesregierung. Dort leitet der Ingenieur das Fachgebiet „Lärmminderung bei Anlagen und Produkten, Lärmwirkungen“.

 

• Herr Myck, vor über drei Jahren, im Herbst 2011, wurde die neue Landebahn am Frankfurter Flughafen eingeweiht. Was hat sich dadurch geändert?

Thomas Myck: Die Flugbewegungszahlen sind nach dem Anstieg im Jahr 2011 derzeit zwar rückläufig; allerdings fliegen die Flugzeuge nun über Gebiete, die vorher weniger von Fluglärm betroffen waren – und dagegen protestieren die neu betroffenen Anwohnerinnen und Anwohner massiv.

 

Gibt es denn wirklich eine Zunahme des Fluglärms?

Man muss unterscheiden zwischen der Lärmbelastung als physikalische Größe und der Lärmbelästigung, also dem individuellen Empfinden. Aufgrund dessen ist es mit Sicherheit lauter geworden, da es neue Betroffene gibt, für die das eine krasse Belastung ist, wohingegen diejenigen, bei denen es physikalisch etwas leiser geworden ist, dies wegen der vielfältigen Lärmbelästigung nicht als Entlastung empfinden. Fluglärm ist zudem kein spezifisches Problem in Frankfurt, das gibt es bundesweit. Laut unseren Umfragen fühlen sich rund 23 Prozent der Deutschen davon belästigt.

 

• Und Fluglärm macht krank?!

Dauerhafter Fluglärm und auch anderer Lärm machen krank, das ist durch viele Studien belegt. Über genaue Grenzwerte wird aber noch gestritten. Eine große Schweizer Studie geht etwa davon aus, dass das Risiko, an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung zu streben, um 50 Prozent steigt, wenn Menschen über 15 Jahre einem Pegel von 60 dB(A) ausgesetzt sind. Das Umweltbundesamt geht im Einklang mit der WHO noch einen Schritt weiter und hält einen nächtlichen Dauerschallpegel ab 40 dB(A) für gesundheitsschädlich.

 

• Was ist mit Fluglärm am Tag?

Fluglärm führt auch am Tag zu Leistungsstörungen, psychischen Beschwerden und Konzentrationsschwächen. Außerdem gehen Belastungen am Tag in die Nacht ein und umgekehrt. Allerdings geht es bei Lärm nicht nur um Gesundheitsgefahren: Das Bundes-Immissionsschutzgesetz etwa soll Menschen schon vor Lärmbelästigung schützen.

 

• …aber dort ist Fluglärm als Lärmquelle ausgenommen!

Das ist leider richtig. Das Gesetz behandelt Lärm aus Industrieanlagen, Straßen- und Schienenverkehr. Flugplätze sind aus dem Bundes-Immissionsschutzgesetz ausgenommen. Fluglärmfragen werden daher im Luftverkehrsrecht und im Fluglärmschutzgesetz behandelt.

 

• Was ist mit dem Gesetz zum Schutz gegen Fluglärm?

Dieses begrenzt nicht die Fluglärmbelastung an einem Flughafen, sondern regelt nur die Bebauung innerhalb des Lärmschutzbereichs in der Flughafenumgebung. Dort bestehen bauliche Beschränkungen. Und wer dort bereits wohnt, bekommt im hochbelasteten Bereich Schallschutzfenster erstattet. Das ist eine sinnvolle Möglichkeit, das Schlimmste zu verhindern, reicht aber bei weitem zur Reduzierung von Fluglärm nicht aus, denn man kann die Menschen ja nicht komplett einhausen.

 

• Gibt es überhaupt einen wirksamen gesetzlichen Schutz vor Fluglärm?

Es gibt Einzelregelungen, die versuchen, die Belastung zu reduzieren. Aus unserer Sicht ist das jedoch nicht ausreichend, denn es gibt für den Fluglärm keine umfassende Regelung und keine gesetzlich fixierten Lärmobergrenzen.

 

• Warum denn das?

Offensichtlich sind beim Thema Luftverkehr die wirtschaftlichen Interessen als stärker befunden worden als der Lärmschutz. Wobei oft vergessen wird, dass auch die ökonomischen Folgen von Fluglärm gravierend sind. Alleine für den Frankfurter Flughafen gibt es Schätzungen, wonach sich die Gesundheitsschäden auf jährlich 40 Millionen Euro belaufen. Meist werden aber nur die Verluste sozialisiert, während die Lärmverursacher die Gewinne einstreichen.

 

• Aber auch außerhalb der Gesetze wird einiges gegen Fluglärm getan. In Frankfurt etwa gibt es sogar ein Nachtflugverbot.

Das Nachtflugverbot von 23 bis 5 Uhr ist an einem der größten Flughäfen der Welt schon ein Erfolg. Es gibt zudem verschiedene Maßnahmen zur Reduzierung des Lärms, etwa ein lärmabhängiges Start- und Landeentgeld. Es gibt auch ein Programm der Fraport, das den Anwohnerinnen und Anwohnern anbietet, ihre vom Fluglärm besonders betroffenen Häuser zurückzukaufen. Außerdem werden lärmmindernde An- und Abflugverfahren erprobt.

 

• Was kann noch getan werden?

Es können Lärmpausen oder eine Lärmobergrenze eingeführt werden. Letztlich geht es in Frankfurt oder Berlin aber um Flughäfen in dicht besiedelten Regionen, viele Menschen werden dort trotz allem von Lärm betroffen sein. Umso wichtiger ist ein Nachtflugverbot von 22 bis 6 Uhr. Außerdem brauchen wir einen gesamtgesellschaftlichen Diskurs, um zu klären, wie viel Verkehrt wir insgesamt wollen und brauchen.

 

• Wie umweltschädlich ist der Luftverkehr?

In niedriger Höhe führt Luftverkehr zu Gesundheitsbelastungen, in großer Höhe sind Flugzeuge die Einzigen am Himmel, die Schadstoffe und CO2 emittieren, das ist sehr klimaschädlich. Deshalb ist es wichtig, dass auch der Luftverkehr – der größte Wachstumsmarkt im Bereich Verkehr – seinen Beitrag zur Verringerung der CO2-Emissionen und zur Minderung der Schadstoffbelastung leistet.

 

• Aber der Luftverkehr stößt am meisten CO2 pro Tonnenkilometer aus.

Das stimmt, ist aber nur die halbe Wahrheit, denn ein Verkehrsträgervergleich ist eine komplexe Aufgabe. Hier ist eine differenzierte Betrachtung nötig. Denn wie sonst außer mit dem Flugzeug kommt man nach Australien? Im Nahbereich hingegen, also bei innerdeutschen Flügen etwa, empfehlen wir, auf den Schienenverkehr zu wechseln. Solche Kurzstreckenflüge halten wir für völlig obsolet. Aber natürlich muss der Luftverkehr wegen des starken Verkehrswachstums einen deutlich höheren Beitrag zum Klimaschutz leisten. Da sind wir aber mit der Industrie bereits in guten Gesprächen.

Markiert mit , , , , , , , , , , .Speichere in deinen Favoriten diesen Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


× eins = zwei

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>