Brutales Fanal

Am 2. Februar wurde der Uni-Turm in Frankfurt gesprengt. Neben Sensationslust machte sich auch Wehmut breit. Denn der Turm war das Symbol einer bereits vergangenen Ära. Ein Nachruf auf einen hässlichen Riesen.

 

Von Timo Reuter und Michael Englert

 

Betonbrocken sind zu Boden geprasselt, Stahlsplitter haben die Luft zerschnitten. Der Koloss ist in sich zusammengesunken, zerfetzt von 950 Kilogramm Sprengstoff, er ist zu Boden geglitten auf dem Weg in die Geschichte. Eine Staubwolke konnte kurz verbergen, was übrig bleibt vom Turm. 50.000 Tonnen Schutt. Es war das Ende eines Symbols. Das Ende des AfE-Turms auf dem alten Frankfurter Uni-Campus Bockenheim.

116 Meter hoch war der Turm, der 41 Jahre lang die Fachbereiche Gesellschaftswissenschaften, Erziehungswissenschaften und Psychologie an der Goethe-Universität beheimatete. „AfE“ – der Name steht für etwas, das es schon nicht mehr gab, als der Turm fertig war: die „Abteilung für Erziehungswissenschaften“.

Bei Generationen von Studierenden galt der Turm als hässlich und dysfunktional. Ein mausgraues Monster, wie die Kulisse für ein postapokalyptisches Drama. Und doch wird um ihn getrauert. Denn am Sonntag um 10 Uhr ist nicht einfach ein Turm gefalen. Die Sprengung bedeutet auch das Ende einer Zeitenwende, jedenfalls an der Frankfurter Uni. Mit dem Trumm ist das Wahrzeichen einer bereits vergangenen Ära verschwunden.

Zwischen Trägern aus Stahlbeton, ewig provisorischen Kunststoffwänden, neongefluteten Fluren, zwischen Zigarettenqualm, Sperrmüllsofas und muffigem Teppichboden wurde die Frankfurter Schule durch ihre zweite und dritte Generation weitergeführt. Aber kritische Theorie stand nicht nur auf dem Lehrplan, sondern auch an den Wänden, stille Zeugen kontroverser Auseinandersetzungen: „Lest mehr Marx“ stand dort geschrieben. „Wer das Kapital liest, hat keins“ direkt daneben. Und für alle galt: „Still not lovin’ Hausmeisterism!“

Das Hochhaus war manifestierte Dialektik. Die unzähligen Farbschichten verbargen Weisheiten und Graffitis – und ließen die überfüllten Fahrstühle über die Jahre in ihrem Volumen schrumpfen. Keine Wand blieb lange weiß, mit jedem neuen Anstrich brach der dialektische Kampf um Raumaneignung und Paradigmen aufs Neue aus.

Das Foyer, das auch einer Art Gartenlaube für die Hausmeister Platz bot, war mit seinen hohen Decken einer der wenigen Räume, in denen man kein beklemmendes Gefühl bekam. In den Seminarräumen musste man sich den Quadratmeter häufig mit mehr als drei Personen teilen. Auf junge Studenten konnte der Turm einschüchternd wirken mit all seiner Wucht von Meinungsstärke und Freiheit.

Es ist ein Gegenentwurf zu den glasverkleideten Bankenhochhäusern Frankfurts – das im Stil des Brutalismus erbaute Ungetüm aus Stahlbeton. Der rohe, schnörkellose Beton – der „béton brut“ – steht für eine Ästhetik der Askese, für Sein statt Schein. Und doch war der Blick aus diesem schmucklosen Bau erhaben, bis zum Taunus reichte er, das bürgerliche Frankfurter Westend lag dem Betrachter zu Füßen.

Für alle, die dem Turm seinen besonderen Geist einhauchten, zählte der Inhalt. Kritische Seminare und autonome Tutorien, Graffitis, das selbstverwaltete Turm-Café. Hier wurden Proteste geplant – oder gleich der ganze Turm besetzt, der sich für diesen Akt studentischen Widerstands besonders gut eignete. Die Anleitung zur Besetzung war simpel und effektiv: „Die Aufzüge nach oben fahren lassen, die Türen mit Tischen blockieren und dann die Treppenhäuser in den ersten zwei, drei Stockwerken mit Stühlen auffüllen.“ Angeblich ist der Turm das am häufigsten besetzte Uni-Gebäude Deutschlands.

Zur besonderen Geschichte des AfE-Turms gehört auch, dass die im Brutalismus angestrebte Funktionalität nie erreicht wurde. Aufgrund baulicher Mängel und des allmählichen Verfalls funktionierte vieles nicht: Im Winter war es zu kalt, im Sommer zu heiß, der Brandschutz war ungenügend. Obwohl man die Fenster nicht öffnen konnte, zog der Wind mit einem Furcht einflößenden Pfeifen durch den Turm, besonders in den Fluren der oberen Stockwerke.

Häufig fielen die Fahrstühle aus, und man musste Dutzende Stockwerke zu Fuß zurücklegen. Beliebt waren dann die Nottreppen, die an Feuerleitern erinnerten: In einem schmalen Treppenhaus führten sie von ganz unten bis in den 37. Stock. In den letzten Jahren wurde ein Aufzug komplett stillgelegt, um als Ersatzteillager für die anderen zu dienen.

Vor knapp einem Jahr wurde der Turm geschlossen und verriegelt, das Foyer ist mit Bauzäunen und Natodraht gesichert – aus Angst vor Besetzungen. Dort, wo bis Sonntagmorgen der graue Riese in den Himmel ragt, sollen nun neue Türme gebaut werden. Die Hochhäuser sollen Teil eines „Kulturcampus“ werden, einer Mischung aus Hotels, Wohnen, Arbeiten und Kultur. So wünscht sich das die städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG, die das Gelände in Bockenheim 2011 erworben hat.

Das studentische Leben spielt sich indes längst auf dem neuem Campus Westend ab, der rund um das geschichtsträchtige I.G.-Farben-Haus errichtet wurde. Das in den 1920er Jahren vom Meisterarchitekten Hans Poelzig entworfene Gebäude war der Sitz des größten Chemiekonzerns der Welt, der später von den Nationalsozialisten vereinnahmt wurde.

Heute steht dort ein Campus, der wie das Gegenteil des Turms anmutet: teurer Naturkalkstein statt roher Beton, monumentale Prestigebauten statt asketischer Architektur. 500 Millionen Euro hat das gekostet. „Ein echter Qualitätsgewinn“, befindet der Sprecher der Universität stolz. Deren ehemaliger Präsident hält den neuen Campus für den „schönsten des Kontinents“. Alles scheint reibungslos zu funktionieren.

Doch genau daran stören sich Turm-Nostalgiker. Anfang letzten Jahres sind 10.000 Studierende und 1.000 Uni-Mitarbeiter aus dem alten Hochhaus auf das neue Gelände umgezogen. Und gleich gab es Ärger: Parolen jeglicher Art gehören dort nicht an die Wände – und werden unter Hochdruck entfernt. Nicht nur Graffitis sucht man im Westend vergeblich. Studierende beklagen das Fehlen selbstverwalteter Räume. Auch das Biotop aus fliegenden Buchhändlern, Obdachlosen und Kneipen, das rund um das Bockenheimer Unigelände entstanden war, wird im Westend wohl kein Zuhause finden.

Für die einen ist all dies das kapitalistische Übel. Für die anderen: ein Segen. Für alle Beteiligten jedenfalls bedeutet es eine Veränderung – und zwar in mehrfacher Hinsicht. Denn die Transformation an der Frankfurter Uni ist total.

Mit der Jahrtausendwende wurde im Zuge der Bologna-Reform an europäischen Hochschulen sukzessive das Bachelor- und Mastersystem eingeführt. Das Ziel: ein schnelleres und effizientes Studium. Wie ein gallisches Dorf, das der Übermacht aus Bologna trotzt, feierten die Gesellschaftswissenschaften im Turm noch vor wenigen Jahren das 50-jährige Jubiläum der alten Diplomstudiengänge. Inzwischen sind auch sie auf dem neuen Campus angekommen – und im neuen System, in dem kaum noch Zeit bleibt für Protest.

Im Schatten dieser Veränderungen hat sich die Frankfurter Goethe-Universität vor sechs Jahren außerdem die Rechtsform einer Stiftungsuniversität gegeben. Dies vergrößerte ihre Autonomie – auch in finanziellen Fragen – und bescherte der Hochschule zusätzliches Geld, gestiftete Lehrstühle und eine nie dagewesene Nähe zur Frankfurter Finanzindustrie. Es gibt jetzt einen „Deutsche Bank Hörsaal“. Im videoüberwachten „House of Finance“. Es ist so sehr die Antithese von dem, was der Turm war. Es ist, als hätte es den Turm nie gegeben.

Es gibt polierte Hörsäle. Es gibt eine Forschung, die exzellent genannt wird. Moderne Arbeitsplätze. Doch es fehlen Möglichkeiten zur Selbstgestaltung, es fehlen Räume, es fehlt Zeit. „ ’Die Universität ist einer der letzten Orte in dieser Gesellschaft, an denen diese Freiheit eingeübt werden kann!‘ Horkheimer“ – das hatte jemand auf eine der Betonmauern des Turms gekritzelt.

Ein Teil dieser Freiheit wurde am Sonntagmorgen in Frankfurt gesprengt.

 

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