Neu Gehacktes

Wer sich selbst was zu essen machen und dabei etwas Mühe geben will, schaut im Internet nochmal schnell nach wie das genau geht. Ein Menschenleben reicht nicht aus, um die zigtausend Rezepte nach zu kochen, die sich dort versammelt und verbreitet haben. Solange es sich nicht um eine Spezialvariation der Ur-Großtante handelt, wird man nach spätestens fünf Minuten fündig und kann mit der Vor- und Zubereitung anfangen.

Immer häufiger finden sich auch Empfehlungen, die im Web der zweiten Generation als die ‘Jungen Wilden’ tituliert werden könnten. Solche, die ihren Meme-Status weniger durch den unvergleichlichen Geschmack oder die genial-einfache Zubereitung als durch ihre Skurilität erlangen.

Es beginnt mit dem Zusammenpappen zweier einseitig vom „Brötchen“ befreiter Milchschaumschnitten zur Superschnitte und fährt fort mit einer Art ‘Herzkasper 3000′, der aus mindestens zwei Vorratspackungen Erdnussschokoriegeln und einem Pfund Crème fraîche verwurstet wird. Durchaus möglich, dass sich einige von ihnen durchsetzen und irgendwann zu den etablierten Fressalien zählen, sozusagen das Döner-Level erreichen.

Im zurückliegenden Jahr wurde dieses dubiose Sortiment um einen Trend aus New York erweitert, der aus Ethno- gewissermaßen Inter-Ethnofood macht – der Ramenburger. Er ist tatsächlich das, was der Name vermuten lässt, eine gewöhnliche Frikadelle zwischen zwei „Brötchenhälften“ aus asiatischen Nudeln.

Die besondere Gemeinsamkeit dieser ungewöhnlichen Gerichte ist, dass deren Zubereitung zum gemeinschaftlichen ‘Happening’ wird und sich vorzüglich in Wort und Bild in sozialen Netzwerken kundtun lässt. Bei mehreren hundert potentiellen Rezipienten sind mit Sicherheit ein paar dabei, die dem spontanen Zucken der Augenbraue oder des Mundwinkels eine gefällige Geste folgen lassen.

Die kulinarischen Neuschöpfungen sind, manchmal erzwungene, Synthesen aus zwei oder mehreren Zutaten, die eigentlich End- bzw. Fertigprodukte sind und aus traditionellen oder ethnokulinarischen Gründen nicht zusammenpassen.

Besonders ersteres geht mit einer Art Zweckentfremdung einher, da diese Erzeugnisse nicht in der vom Hersteller vorgesehenen Weise zubereitet und verspeist werden. Diese Art und Weise mit vorgeschriebenen Normen umzugehen, sie also statt zu befolgen, kreativ zu interpretieren oder gar ad absurdum zu führen, nennt man „cultural hacking“1. Kulturell normiertes Handeln wird zumeist auf künstlerische, subtile Weise umgeformt, um ein affizierendes Potenzial und Aufmerksamkeit zu erzeugen. In ausgeprägter Form steht die subversive, politische oder gesellschaftliche Kritik im Mittelpunkt, doch bekommt es nicht den Charakter von Blockade, Boykott oder Antithese. Vielmehr werden vorhandene Strukturen zunächst genutzt und übernommen und der Anschein vom ‘Mitmachen’ erhoben. Aber eben nicht wie vorgesehen.

Absichtlich falsches Aufreißen der Verpackung oder mit dem Rad durch den Drive-In fahren, häufig sollen damit allzu eingefahrene Verhaltensmuster bzw. -erwartungen hervorgehoben, konterkariert und zur Disposition gestellt und manchmal einfach der eigenen Individualität gefrönt werden – so wie bei unserem Kochrezepthacking. Aber der Aspekt der Aufmerksamkeit besticht auch hier: Der „Five-Minutes-Fame“ auf Facebook, auch für die eigene Person, ist nicht unerwünscht.

Es ist das Gefühl der Industrie, dem Establishment oder der paternalistischen Gewohnheit ein Schnippchen zu schlagen, ohne sich allzu weit aus dem Fenster lehnen zu müssen.

Naiv zu glauben, dass sich die Verwertungsindustrie diesen Trend nicht schon längst zu eigen gemacht hätte. Die Kollaboration mit Street-Artisten oder der Brotaufstrich, der sich auch zur Soße kochen lässt, gesponsortes Graffiti, Parcours und Flash-Mops. Die Einverleibung devianten, teils gar ordnungswidrigen Verhaltens im öffentlichen Raum durch Popkultur und Werbung, ist bereits schnöde Realität geworden. Was draußen, zuletzt durch Kommerzialisierung, zur Kunst erhoben wird, behält in den eigenen vier Wänden nur den Schein des Individualistisch-Rebellischen. Denn solange nur deren spezifischer Zweck und nicht die Produkte selbst diskreditiert und an den (Online-)Pranger gestellt werden, tauschen die Hersteller diesen Kontrollverlust gerne gegen eine gehörige Packung ‘Social-Media’-Werbung ein.

Gehacktes vom Rind ist eben immer noch Rindvieh.

 

 

Markiert mit , , , , .Speichere in deinen Favoriten diesen Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


sieben − = eins

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>