Eine kleine Phänomenologie der Autobahn

Vermutlich sind deutsche Autos und deutsche Autobahnen tatsächlich weltweit die sichersten ihrer jeweiligen Art. Geradezu sinnfällig ist damit die Gegebenheit, dass man mit ersteren auf ausschließlich letzteren so schnell fahren kann wie man mag – oder es persönlich für angemessen hält. Diese Rechtslage stellt unter allen Industriestaaten (abgesehen von der Isle of Man, wo sich bekanntermaßen turnusmäßig Rennsportbekloppte zum Motorradrennen und Körperteile abtrennen treffen) eine rühmliche Ausnahme dar – und das mit einer Unfallstatistik, die sich von denen der anderen kaum unterscheidet. Ein Grund zum Feiern könnte man sagen – die hiesige Ingenieurskunst, den standortbezogenen Fortschritt an sich und besonders das einzigartige Vermögen des deutschen Autofahrers, überdurchschnittlich gut Autofahren zu können.

Es fällt dabei leicht, sich mit einem breiten Grinsen auf die im Nachkriegsdeutschland etablierten Standards in Sachen Technik und Sicherheit zu berufen. Und ein manchmal zweistelliger Millionenbetrag für 100 Meter Trasse wird mutmaßlich nicht nur aufgebracht, um unsere Schnellreisewege rein optisch von den Buckelpisten in Süd- oder Osteuropa abzuheben. Wir können es uns schlicht leisten und erlauben.

So weit so einzigartig, respektive phänomenal.

Aber phänomenologisch betrachtet, steht hinter dieser Ausnahmeerscheinung mehr als das schnöde Ernten der Früchte generativer Errungenschaften. So unabhängig das Auto macht, so frei ist man trotz aller Vorschriften auch bei der Art und Weise, es zu fahren – nicht zufällig spricht man vom Fahrstil. Ganz im Sinne des Nicht-nicht-kommunizieren-Könnens legt man unvermeidlich ein Verhalten an den Tag, das mit zahllosen Attributen gespickt ist. Dabei spielt die Geschwindigkeit eine ausschlaggebende Rolle. Beinahe so wie eine Berührung der flachen Hand mit einer Wange von einem sanften Streicheln bis zu einem echten Schlag ins Gesicht rangieren kann, ist die Geschwindigkeit auch im Straßenverkehr diejenige Eigenschaft einer Handlung, welche den größten (meistens aggressiven) Eindruck macht. Damit möglichst niemand verletzt wird muss sie also durch eine Obergrenze im Zaum gehalten werden – immer und überall. Überall? Nicht auf den gallisch-deutschen Autobahnen (im Folgenden nur noch AB)!

Eine Vielzahl an Bedürfnissen können auf der AB befriedigt werden und meistens haben sie mit anderen Verkehrsteilnehmern zu tun. Anhand eines ausgefeilten Instrumentariums an Gesten und Manövern werden kurzweilige Machtverhältnisse ausgefochten, man geht flüchtige Sozialbeziehungen ein. Das Auto lässt sich als erweiterte Extremität denken, mittels der, in reduzierter Form, prägnante Signale weitergegeben werden können. Eine beharrliche Mittelstreifennutzung lässt ebenso Interpretationen zu wie zu dichtes Auffahren und löst wiederum bestimmte Reaktionen aus. Das Tempo, das von anderen an den Tag gelegt wird, wirkt dabei mit mächtig affizierendem Potential und schlägt sich direkt auf unser reaktives Verhalten nieder. Nicht selten fühlt man sich unmittelbar nach Verlassen des Beschleunigungsstreifens genötigt, sich nicht nur einzuordnen, sondern vor allem darum zu kämpfen sich nicht unterordnen zu müssen. Gäbe es keine Kennzeichenpflicht, würde der wilde wilde Westen, nicht bei, sondern direkt auf der AB anfangen.

Der konvergierenden Mensch-Maschine muss in jedem Moment Höchstleistung abverlangt werden können. Nur die gelungene Synthese aus einem leistungsstarken Rahmen, viel Erfahrung und natürlich jeder Menge Intuition sowie urwüchsigem Talent bedingt die adäquate Reaktion auf den gefühlten Großteil aller möglichen Situationen. Die Messlatte hängt hoch und man ist dem Leistungsdruck ausgeliefert. Von entfesselten Kräften umgeben ist man verpflichtet sie zu bändigen und dabei noch einen entspannten Eindruck zu machen oder einen Streit auf der Rückbank zu schlichten.

Man könnte meinen, die AB bildet einerseits einen Hort tugendhafter Verhältnismäßigkeit und eine Enklave der Anarchie andererseits. Was anderenorts bzw. innerorts rechtlich wie auch sozial schwer geächtet wird, lässt sich mit dem passenden Gefährt auf der AB vorbehaltlos ausleben. Hier gelten andere Maßstäbe und Qualitäten. Menschen, die sich vor dem Einsteigen in ihr Souveränitätsvehikel noch zuvorkommend und solidarisch zeigen, mutieren danach zu scheubeklappten, adrenalingepeitschten Einzelkämpfern, die nur noch ihr Ziel und die Straße im Blick haben – zur Arbeit, zum Spaß oder zum Schwimmunterricht der Tochter. Allzu oft ohne jegliche Not. Trotzdem ist scheinbar alles unter Kontrolle.

Die Autos und Motorräder auf der Straße gleichen einem Wolfsrudel, das sich selbst durch die Auen treibt. Der Schulterblick zum Nachbarwolf fällt meistens spärlich oder ganz aus. Fehler anderer Rudelmitglieder werden unnachgiebig mit (Licht-)Hupe und nachträglichen Ausbremsmanövern selbstjudiziert, wogegen eigene Schnitzer nur menschlich sind. Nur blöd wenn zwei sich begegnenden Rivalen gleichzeitig ein kleiner Fauxpas unterläuft. Dann sind sie vermutlich tot und man wird einem von beiden ein unterdurchschnittliches Fahrvermögen attestieren oder sie überleben und huldigen dem deutschen Auto- und Straßenbau noch mehr. All das hat sich in den letzten Dekaden mithilfe eines apodiktischen Fortschrittsglaubens und einer starken Lobby zu einer Art deutschem Sonderweg manifestiert, der auf jeder Ebene zelebriert wurde und noch immer wird, nicht zuletzt von potentiellen Organspendeempfängern.

Fakt ist, dass es im Straßenverkehr keinerlei Redundanz gibt – ja geben kann, da es im nächsten Moment bereits zu spät ist. Bis dahin ist man allerdings unabhängig und rasend schnell gewesen und das zählt nach wie vor. Im Straßenverkehr gilt neben rechts-vor-links, vor allem jeder-gegen-jeden und empathisches Nachvollziehen ist absolute Mangelware.Auch wenn die Maxime der Tugendhaftigkeit womöglich in Verruf geraten sein sollte, auf dem sozialen Terrain der AB sind höher geschätzte Tugenden dringend notwendig. Oder die gesamtgesellschaftliche Raserei muss in Flensburg nicht nur bepunktet sondern auch gedeckelt werden.

Die alternative Tugend á Grande Vitesse erlaubt 250 km/h Spitze – erträglich für den gemeinen deutschen Raser, mit Hang zur kollektivistischen Sozialromantik.

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