Nicht-Orte. Marc Augé

Das lange Zeit vergriffene Büchlein Orte und Nicht-Orte – Vorüberlegungen zu einer Ethnologie der Einsamkeit* ist 2012 bei Beck neu erschienen unter dem Titel Nicht-Orte*. Marc Augé skizziert darin sein Konzept der Nicht-Orte und der Übermoderne.

Einen prominenten Ort hat das Konzept des Nicht-Orts in dem Büchlein Orte und Nicht-Orte von Marc Augé gefunden. Obwohl das Werk des Ethnologen und Anthropologen Augé bisher nur zu einem kleinen Teil übersetzt ist, hat sein Konzept der Nicht-Orte doch beachtlichen Anklang an kulturwissenschaftlichen Fachbereichen hiesiger Universitäten gefunden.

Um sogleich ins Zentrum des Themas vorzustoßen, sei hier der direkte Einstieg in Augés Nicht-Orte gewählt, ohne die weitere Bestimmung des „anthropologischen Ortes“ zu rekonstruieren. Im Umfang ist das Kapitel über den „anthropologischen Ort“ etwas so groß, wie das Kapitel, das sich mit den „Non-lieux“, so der französische Begriff für Nicht-Ort, beschäftigt (Im Französischen bezeichnet „Non-lieu“ auch die Einstellung eines juristischen Verfahrens. Ein Ort der nicht stattfindet.).

„So wie ein Ort durch Identität, Relation und Geschichte gekennzeichnet ist, so definiert ein Raum, der keine Identität mehr besitzt und sich weder als relational noch als historisch bezeichnen läßt, einen Nicht-Ort.“[1]

Im Konkreten meint der Ethnologe in der Metro* damit Transiträume wie etwa Autobahnen, Flughäfen, Shopping Malls, Flüchtlingslager, die zugleich ein neues Forschungsobjekt für den Anthropologen bilden. Um dem Einspruch zu entgehen, dass diese Nicht-Orte sehr wohl Identität, Relation und Geschichte besitzen entgegnet Augé:

„Ort und Nicht-Ort sind fliehende Pole; der Ort verschwindet niemals vollständig, und der Nicht-Ort stellt sich niemals vollständig her – es sind Palimpseste, auf denen das verworrene Spiel von Identität und Relation ständig aufs neue seine Spiegelung findet.“[2]

In reiner Gestalt existiere er also nicht. Doch welche Art von Realität stellt so ein Nicht-Ort nun dar? Zum Einen seien sie für bestimmte Zwecke wie Verkehr oder Freizeit bestimmt und zum Anderen bestehe dort eine bestimmte Beziehung von Individuum und Raum. Diese Beziehung erfolge über Texte, Worte und Symbole: „Willkommen in der Hochschulstadt Aschaffenburg“, „Please mind the gap between the train and the platform“  oder „Bitte lassen sie ihr Gepäck nicht unbeaufsichtigt!“ sind einige Beispiele, die sich an Bahnhöfen finden. Man denke aber auch im Allgemeinen an Informationen, Vorschriften oder Gebrauchsanleitungen in verschiedener Form. Zudem erwähnt Augé die Sichtbarmachung von Ort durch Text oder Symbole wie die zahlreichen Schilder an der Autobahn, die auf Burgen, Naturlandschaften und Ähnliches verweisen. Es folgen durchaus lesenswerte kurze Analysen von Nicht-Orten, d.h. von Orten, an denen wir uns im Alltag aufhalten, die dazu dienen den Nicht-Ort in seiner jeweiligen Ausprägung und sein Verhältnis zum Ort genauer zu bestimmen. Bei der Lektüre macht sich schnell der Eindruck breit, Augé bedaure eine verloren gegangene Welt von einem konservativen Standpunkt aus. Nicht-Orte spalten die Identität, sie entfremden. Die scheinbare Anonymität, könne zunächst befreiend wirken. Faktisch sind jedoch überall Identitätsnachweise zu erbringen:

„In gewisser Weise wird der Benutzer von Nicht-Orten ständig dazu aufgefordert, seine Unschuld nachzuweisen. Die im voraus oder im nachhinein erfolgende Prüfung der Identität und des Vertrages stellt den Raum des modernen Konsums unter das Zeichen des Nicht-Ortes: Nur wer unschuldig ist, erlangt Zutritt, Worte zählen hier fast nichts mehr. Keine Individualisierung (kein Recht auf Anonymität) ohne Identitätskontrolle.“[3]

Dazu bemüht Augé das Bild der Entfremdung. Das Individuum sei an dem Nicht-Ort den anderen gleich. Der Nicht-Ort mache alle zu Benutzern eines auf Funktion ausgelegten Raumes und begrenze somit ihre Identität. Einsamkeit und Ähnlichkeit seien das Resultat der Ausbreitung der Nicht-Orte. Ein klassischer Entfremdungsgedanke wird hier in Stellung gebracht. Eine alte vorgängige und vielleicht bessere Form der Identität scheint in Augés Text anwesend. Dem ist aber auch nicht eindeutig so, denn die Expansion der Nicht-Orte scheint uns an anderer Stelle erst zu konkreten Subjekten zu machen und nicht zu entfremden:

„Dieser elegante Mittvierziger, der unaussprechliche Freuden unter dem aufmerksamen Blick einer blonden Stewardeß zu genießen scheint, ist er selbst: dieser selbstbewußt dreinblickende Fahrer, der seinen Turbodiesel über irgendeine afrikanische Piste treibt, ist er selbst; dieser Mann mit der virilen Miene, den eine Frau verliebt anschaut, weil er ein Rasierwasser mit wildem Duft benutzt, ist ebenfalls er selbst.“[4]

Nicht-Orte seien durch ihre Identifikationsangebote in Form von Bildern oder Texten immer Begegnung mit uns selbst und man könnte hinzufügen, sie konstituieren uns als Subjekt vielmehr, als sie uns von etwas entfremden. Doch zugleich setzten wir uns selbst zu ihnen in ein Verhältnis. Wir nehmen die Anrufung an. Vielleicht  weisen wir sie auch zurück oder modifizieren sie.

Subjekttheoretisch ist hier nicht viel mehr herauszuholen. Dafür zaubert uns Marc Augé einen neuen Typenbegriff für Gesellschaft aus dem Hut; die Übermoderne. Vielleicht weil es von ihnen noch nicht genügend gibt.[5] Die Nicht-Orte seien der Ausdruck der Übermoderne. Hier wird eine Erweiterung des Konzepts der Nicht-Orte vorgenommen und Augé versucht eine Theorie der Moderne oder genauer der Postmoderne zu generieren. Wie verhält sich nun die Übermoderne zu den Nicht-Orten? Die Übermoderne sei gekennzeichnet durch Figuren des Übermaßes. Überfülle der Ereignisse, des Raumes und der Individualisierung der Referenzen. Die Nicht-Orte bilden den Raum der Übermoderne. Sie sind gleichzeitig der Ausdruck der Übermoderne, die Nicht-Orte hervorbringe.

Hier bleibt es jedoch wieder bei Andeutungen. Der schnelle Vorstoß vom Konkreten zum Allgemeinen und zurück ist Stärke und Schwäche dieses Textes. Der essayistische Stil, die Unschärfe und die Verkürzung fordern unser Denken heraus. Die kleinen Analysen der (Nicht-)Orte unseres Alltags gehen innerhalb kurzer Zeit zu dem Großbegriff der Übermoderne, aus der die Nicht-Orte resultieren, über und zurück. Man kann Augé Mut oder Dilettantismus vorwerfen. Es bleibt die Frage, was der Begriff der Übermoderne wirklich leisten kann.


[1] Augé, Marc: Orte und Nicht-Orte, Fischer, 1994, S. 92
[2] Ebd. S. 94
[3]Ebd. S. 120
[4] Ebd. S. 123
[5] Ritsert, Jürgen: Gesellschaft — Ein unergründlicher Grundbegriff der Soziologie, 2000, Campus, S. 159 f.
* Affiliate-Link
 
Markiert mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , .Speichere in deinen Favoriten diesen Permalink.

One Response to Nicht-Orte. Marc Augé

  1. Lukas sagt:

    Danke für die Stellungnahme(?)!
    Die Zusammenfassung der Kernthemen und die Einbindung der wichtigsten Zitate zu den Nicht-Orten ist sehr hilfreich wenn man über Augés Überlegungen sinniert.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


vier + = dreizehn

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>