Die sanfte Methode

Alternative Heilkunde: Zwischen Schulmedizin und Schamanismus gibt es eine Vielzahl an Behandlungsmöglichkeiten.

Anthroposophische Medizin, Homöopathie oder Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) – das Spektrum der „Alternativen Medizin“ ist groß. Doch was bedeutet es eigentlich, sich „alternativ“ behandeln zu lassen – und was der Unterschied zur klassischen „Schulmedizin“?

Unter „Schulmedizin“ versteht man Therapieverfahren, welche an den Hochschulen unterrichtet und von den meisten Ärzten praktiziert werden. Deren Goldstandart bildet die “Evidence Based Medicine”. Dabei soll der Arzt mit Hilfe der überzeugendsten wissenschaftlichen Belege gemeinsam mit dem Patienten und unter Berücksichtigung von dessen individuellen Bedürfnissen eine Entscheidung über die einzuleitende Therapie treffen. Gängige Praxis ist es allerdings oft, dass der Arzt versucht, den Patienten zur best evaluierten Therapie zu überreden. Somit werden die Wünsche des behandelten Menschen, sowie dessen psychische und soziale Umstände, zu wenig berücksichtig. Verfahren, welche die wissenschaftlichen Kriterien der Wirksamkeit nicht erfüllen, werden oftmals als „Scharlatanerie“ abgetan.

Doch viele Verfahren aus diesem Reich der „Scharlatanerie” haben eine lange Tradition und scheinen zu funktionieren. Das zeigt sich etwa an der Jahrtausende alten chinesischen Medizin, die man ebenso wie zahlreiche andere Verfahren zur „Alternativen Medizin“ zählt. Diese ist also keineswegs eine einheitliche Richtung, sondern eine Sammelbezeichnung für Behandlungsmethoden und diagnostische Konzepte, die sich als alternative zu wissenschaftlich begründeten Verfahren verstehen. Deren Befürworter betonen die Nähe zur Natur und die meist fehlenden oder gering ausgeprägten Nebenwirkungen dieser „sanften Medizin”.

Dazu gehört etwa die von Samuel Hahnemann zur Wende zum neunzehnten Jahrhundert begründete Homöopathie. Nach dem Prinzip „Ähnliches mit Ähnlichem heilen“, verwendet sie stark verdünnte Wirkstoffe, welche sich an den individuellen Symptomen des Patienten orientieren. Populär ist die Verwendung von kleinen Kügelchen (Globuli) mit Arnika als Wirkstoff bei Prellungen und Muskelkater.

Die TCM hingegen fußt auf einem philosophischem Konzept, das dem der Homöopathie entgegensteht: der Allopathie. Hier wird nicht Ähnliches durch Ähnliches geheilt, sondern der Ausgleich angestrebt. Nach dieser Lehre ist Gesundheit ein schwingender Zustand, der auf dem Gleichgewicht des Organismus und der auf ihn einwirkenden Kräfte, etwa Klimafaktoren und Emotionen, beruht. Kommt es zum Ungleichgewicht, zum Beispiel zu einer Anreicherung von Hitze im Körper, so wird dieser Zustand entweder mit dem Abführen von Wärme oder mit dem Einbringen von Kälte therapiert. Die in Deutschland praktizierenden TCM-Therapeuten verwenden hauptsächlich die Methode der Akupunktur, wobei in China 80 Prozent der therapeutischen Tätigkeit im Verordnen von Kräutern besteht.

Ebenfalls ganzheitlich orientiert ist die anthroposophische Medizin, welche auf einem von Rudolf Steiner entworfenen Weltbild fußt und von diesem in Zusammenarbeit mit der niederländischen Ärztin Ita Wegman begründet wurde. Das menschliche Wesen beschränkt sich dabei nicht auf den physischen Leib, sondern besteht aus weiteren, feinstofflichen Ebenen, die „Wesensglieder“ genannt werden. Nach individueller Diagnose erfolgt die Therapie dahingehend, die Harmonie innerhalb dieser Wesensglieder wieder herzustellen. Hierbei stehen mineralische, pflanzliche und tierische Substanzen zur Verfügung, welche oftmals in homöopathischen Dosen eingesetzt werden. Ebenfalls angewendet werden rhythmische Massage, Eurythmie und anthroposophische Kunsttherapie. Im schweizerischen Arlesheim besteht mit der „Ita-Wegman-Klinik“ ein modernes Krankenhaus, in welchem nach den Prinzipien der anthroposophischen Medizin geheilt wird.

Das Spektrum der „Alternativen Medizin“ umfasst viele weitere Strömungen, etwa die Kneipp-Therapie oder den Yoga. Angewendet werden alternative Heilverfahren nicht nur von Heilpraktikern, sondern auch von Physiotherapeuten, Hebammen und Ärzten. Die Kosten alternativer Therapieverfahren erstatten teilweise die Krankenkassen, beispielsweise etliche homöopathische, anthroposophische und pflanzliche Medikamente. Auch die Akupunktur wird mittlerweile in manchen Fällen bezahlt.

Ein weiteres Verfahren aus der Kiste der Alternativen Medizin, das es zu großem Erfolg gebracht hat, ist die achtsamkeitsbasierte Stressreduktion. Hierbei soll, mit Hilfe der aus dem Buddhismus entlehnten Methode der Achtsamkeit, ein meditativen Zustand der Selbstwahrnehmung erzeugt werden, in dem Leiden und Krankheitssymptome neu bewertet und gemildert werden können. In Deutschland hat Gustav Dobos, Professor an der Essener Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin, die Methode erfolgreich etabliert, um etwa Brustkrebspatientinnen bei der Krankheitsbewältigung zu unterstützen.

Die Essener Klinik ist ein Vorzeigebeispiel, wie sich „Schulmedizin“ und „Alternative Medizin“ verbinden lassen, um sowohl Wissenschaftlichkeit, als auch den patientenbezogenen, ganzheitlichen Fokus einzubeziehen. Die Berücksichtigung aller Einflüsse und Zusammenhänge, die sich auf die Gesundheit eines Menschen auswirken, bezeichnet man als „Integrative Medizin“. Diese erhält in den letzten Jahren immer mehr Zulauf. „Die Nachfrage ist groß, wir haben im Durchschnitt eine Wartezeit von etwa drei bis vier Monaten für einen stationären Aufenthalt bei uns“, berichtet Dobos.

Infos im Netz: www.verzeichnis-alternativmedizin.de und www.wegmanklinik.ch
Buchtipp: „Mind-Body Medizin“ von Gustav Dobos.

MARKUS HAHN UND TIMO REUTERMARKUS HAHN UND TIMO REUTER

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