Google weiß auch nicht alles

Ein guter Freund hat einen neuen Job. Ich sorge mich um ihn.

Ein Freund von mir rief mich kürzlich an. Wir hatten uns bestimmt schon vier oder fünf Monate weder gesprochen noch geschrieben, umso größer war die Freude. Seit ein paar Jahren wohnt er in Köln. Nachdem wir einige Zeit geflackst und uns alte Geschichten erzählt hatten, fragte ich ihn, was er eigentlich zur Zeit „beruflich“ mache nach seinem Studium. „Ich arbeitete im INTERNET“, berichtete er schnörkellos. Ein ungutes Gefühl überkam mich, ich wusste nicht, woher es rührte. Das INTERNET? „Du musst die Zukunft sehen“, meinte er. „Es kann ja nicht ewig so weitergehen. Wer schaut denn heute noch auf den Busfahrplan oder ins Telefonbuch. Und das ist erst der Anfang. Das INTERNET ist überall!“

Überall? Auch in meinem Schlafzimmer? Plötzlich war das Gespräch beendet, die Verbindung weg. Mehrere Versuche, ihn zurückzurufen, scheiterten. Es war ein komischer Abend, ich war allein zu Hause und fühlte mich auch so. Schließlich begann ich, mich ziel- aber nicht sinnlos mit allem Berauschenden, was in meiner Wohnung zu finden war, zu betäuben. Doch der nächste morgen kam. Und mit ihm der Gedanke an meinen Freund und seinen neuen Beruf, ja man könnte sagen seine neue Berufung. So zumindest klangen seine Worte in meinen Ohren nach, wie in Beton gemeißelt mit Holz: „Ich arbeitete im INTERNET.“ Ich hatte noch immer kein gutes Gefühl dabei, dazu kam eine mittelstarke Verspannung in der rechten Schulter, vermutlich vom unruhigen Schlafen. Mich ließ dieser Gedanke nicht los. Ich wollte recherchieren, was dahinter stecken könnte, doch mein Laptop ließ sich nicht hochfahren. Erinnern konnte ich mich nur dunkel – an eine Reportage im Ersten oder Zweiten, es war so eine investigative Reportage, bei der es einem kurz kalt den Rücken runter und dann warm in den Bauch läuft. Ich habe allerdings zu viele davon gesehen, ich konnte mich nicht mehr genau entsinnen, was dort gesagt wurde.

Das INTERNET, war das nicht…? Diese angebliche Superwaffe der Amerikaner? Oder waren es die Chinesen? Kann nicht sein, wieso sollte mein Freund für eine Superwaffe beziehungsweise IN einer Superwaffe arbeiten. Obwohl in so einem Panzer schon Platz für ein paar Leute ist, aber er in einem Panzer – unmöglich. Er war schon früh Pazifist und ich glaube auch klaustrophisch.

Ich erinnerte mich sogleich an zahlreiche Reportagen über Ausbeuterfirmen in Bangladesh, dem Niger-Delta und Brasilien. Doch mein Freund war in Köln. Und er hatte ein Gewissen, so glaubte ich. Zumindest passte er einfach nicht zu H&M, Shell oder Thyssen-Krupp. Ausgeschlossen.

Hoffentlich ist er keiner Sekte beigetreten, da wird ja schlimmes berichtet, dachte ich. Was auch immer das genau ist, eine Sekte. Irgendetwas zwischen Faschismus und Spiritualität, jedenfalls gefährlich. Wobei er mit seiner individualistischen Art (ja, er ist eine kleine Diva) sicherlich Probleme mit einem Führerkult hätte und schnell wieder rausgeflogen wäre. Er würde bestimmt erst gar nicht eintreten, er war noch nie anfällig für so etwas.

Auch einer dieser Jobs im Direktmarketing („Ich verkaufe den Leuten ein gutes Gewissen und meine Chefs sahnen dabei richtig ab“) kann es nicht sein, selbst wenn „das INTERNET“ im ersten Moment für manche so klingen mag. Denn sein Gewissen war nie käuflich, auch wenn er dringend Geld brauchte.

Konnte es etwas mit Kunst gewesen sein? Schwarze Magie? Das INTERNET, das hörte sich sowieso irgendwie mehr an wie ein Codewort, ein Zauberwort, ein Wort, das ich zuvor schon mal gehört hatte, aber dessen Bedeutung mir partout nicht einfallen wollte. Auch sein Klang verriet über sie nicht mehr.

All meine Vermutungen schienen nach kurzer Prüfung unplausibel und so ins Leere zu laufen. Es blieb mir ein Rätsel: Dieses INTERNET. Auch meine Recherchen brach ich schließlich erfolglos ab, mein Laptop funktionierte zwar wieder, doch sie führten zu keinem Ergebnis, selbst Google wusste nicht Bescheid. Ich werde meinen Freund nochmals anrufen und fragen müssen. Hoffentlich ist alles ganz harmlos und er nicht in Gefahr.

Speichere in deinen Favoriten diesen Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


eins + = neun

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>